Ist der Kommunismus gescheitert? Oder nur schief gegangen? Oder wurde mit dem „real existierenden Sozialismus“ etwas umgesetzt, dass dem Kommunismus gar zuwider lief? Hannes Gießler glaubt, dass kommunistischer Gesellschaftskritik drei Irrtümer zugrunde lagen, die mehr oder weniger auf die schiefe Bahn des real existierenden Sozialismus führten. Erstens: dass das Proletariat ein revolutionäres Subjekt ist, ist falsch und diente schließlich nur der Huldigung der Arbeit und der Indienstnahme und Verherrlichung der arbeitenden Bevölkerung. Zweitens: Marx hat sich um die Frage herumgedrückt, ob eine „gemeinschaftliche Kontrolle“ (Marx), im Gegensatz zu der über den Markt vermittelten kapitalistischen Produktion, nicht die totale Verstaatlichung und Kollektivierung der Gesellschaft bedingen muss. Genau das geschah in der Praxis: die Kontrolle und Kollektivierung der Produktion führte zur Kontrolle und Kollektivierung aller Individuen zuungunsten ihrer Freiheit. Drittens: Marx deklarierte den Kommunismus als Auflösung des Widerstreits von Individuum und Gattung. Doch das war nur schön gesagt. Es kam anders: der Widerstreit wurde in der Annahme, dass das größtmögliche Allgemeinwohl letztlich auch dem Wohl des Individuums dienst, zuungunsten des Individuums entschieden. Anders gesagt: Die soziale Frage wurde zuungunsten der Freiheit beantwortet.
Eine Strömung, die am Ziel einer Gesellschaft festhält, in der es keine Klassen mehr gibt, Produktion und Konsumtion gerecht vonstatten gehen und an den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtet sind, muss sich daher drei Fragen stellen: Erstens: Welcher Gestalt müsste sie sein und woher könnte die Gewalt erwachsen, die die kapitalistische Produktionsweise überwindet? Zweitens: Wie könnte eine gerechte Produktionsweise aussehen, ohne dass sie zu mehr Staat oder zu größeren Kollektivzwängen führt? Drittens: Wie wird der Widerstreit von Individuum und Gemeinschaft beziehungsweise Freiheit und Gerechtigkeit nicht zuungunsten der Freiheit des Einzelnen gelöst?
Genau umgekehrt möchte Zwi (vom Autorenkollektiv BBZN) die Kommunismus-Frage stellen: ausgehend von dem materialistischen Begriff in der Kritik der deutschen Ideologie: Der Communismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben wird. Wir nennen Communismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung.“ Was sich bis jetzt Kommunismus oder Sozialismus nennt, wäre demnach zu beurteilen an seiner wirklichen Zerstörungsdynamik gegen Ideale wie Gerechtigkeit“, Freiheit des Einzelnen“, weniger Staat“, mehr Gemeinschaft“, Arbeit für alle oder: Abschaffung der Arbeit“ usw. kurz: gegen die Ideale der Linken und ihren Utopismus. Was bleibt also vom realen Staatssozialismus gemessen an der radikalen Staatskritik des materialistischen Anarchisten Karl Marx? Wie weit hat die Herstellung des globalen Proletariats als die destruktive Partei“ die von der Gesamtarbeiter_in selbst produzierte kapitalistische Gesellschaftsform zugleich schon so untergraben, dass der kapitalistische Kommunismus“ (Marx) bereits vielfach zur gesellschaftlichen und individuellen Katastrophe geführt hat, und wie weit hat die communistische Arbeit des Begriffs die Illusionen über diesen blinden Fortschritt endlich kaputtgemacht?
Der rohe Kommunismus, Bourgeoiskommunismus, Staatskommunismus, Gefühlskommunismus, Kathedersozialismus und Regierungsanarchismus haben sich im Verlauf der wirklichen Bewegung als bürgerliche Gestalten des romantischen Antikapitalismus blamiert. (Von daher auch ihre Blindheit bzw. Anfälligkeit fuer die antisemitische Alltagsreligion.) Anstatt die notwendige Arbeit vernünftig gesamtgesellschaftlich zu regeln und zu minimieren, anstatt die freie Assoziation selbstbestimmt produzierender Individuen“ ohne Ware, Geld, Kapital und Staat herzustellen, anstatt die Kritik der deutschen Ideologie wisssenschaftlich zu radikalisieren und dadurch dem Communismus als wirklicher Bewegung zum bewussten Durchbruch zu verhelfen, träumen Proletarisierte und Linke bis heute von mehr Gerechtigkeit, Demokratie, Utopie“ und bleiben im Bannkreis Max Stirners befangen. Anstatt die Klassengesellschaft und sich selbst als Proletariat endlich aufzuheben, bleiben sie die Einzigen und ihr Eigentum. Anstatt sich zum bewussten Subjekt der Produktion für ihre schrankenlose Bedürfnisbefriedigung zu ermächtigen, klammern sie sich an restriktive Gemeinschaften und Freiräume“ unter der Schutzmacht Staat und den Sachzwängen“ des automatischen Subjekts.