Der Antisemitismus des frühen 20. Jahrhunderts, der auf dem traditionellen christlichen Antijudaismus aufbaut, wurde zur geschichtsmächtigen ideologischen Welterklärung, zur rationalisierten Paranoia mit psychosozialen Funktionen.

Ausgehend von einer gescheiterten Ich-Bildung verbleibt das Subjekt von äußeren Autoritäten abhängig und entwickelt unter dem gesellschaftlichen Druck eine bedrängende Angst vor Abweichungen. Getrieben von unbewussten Schuldgefühlen muss das autoritäre Subjekt unliebsame Es-Ansprüche aggressiv verdrängen.

Mit dem Verlust der Unterscheidungsfähigkeit zwischen Ich und Außenwelt richtet das autoritäre Subjektiv die eigenen unverarbeiteten Aggressionen direkt nach außen. So werden verdrängte, verhasste und destruktiv verzerrte Wünsche nach Glück, Freiheit und Sexualität, nach Macht- und Triebentfesselung auf diejenigen projiziert, welche die verhassten und verleugneten Selbstanteile zu repräsentieren scheinen.

Für den Antisemiten repräsentieren die Juden die undurchschaubaren Widersprüche der kapitalistischen Moderne, sowie die gesellschaftlich nur unzureichend verwirklichten Ideen von Freiheit, Gleichheit und Emanzipation: „Glück ohne Macht, Wohlstand ohne Arbeit, Heimat ohne Grenzstein, Religion ohne Mythos“ (Adorno/Horkheimer).

Referent:
Dr. phil. Oliver Decker, Dipl. Psychologe ist wissenschaftlicher Angestellter der Selbständigen Abteilung für Medizinische Psychologie u. Medizinische Soziologie der Universität Leipzig.
Mitherausgeber von u.a. „Kritische Theorie – Psychoanalytische Praxis“ sowie u. a. der FES Studie: „Bewegung in der Mitte. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2008″.